Biografisches

  • Geboren 1942 in Zug, wohnhaft in Zürich.
  • Studium der Germanistik, Kunst- und Religionsgeschichte.
  • 1972 Promotion mit Dissertation über die Lyrik von Nelly Sachs.
  • Bis 2006 Studienleiterin an der Paulus-Akademie Zürich.
  • 1999 Marga Bührig-Anerkennungspreis




Brigit Keller


Brigit Keller


Brigit Keller

Fotos von Katrin Simonett



Gedanken zum eigenen Schreiben
3 Fragen – 3 Antworten
Lyrik? Lyrik!
Interview von Monika Stocker mit Brigit Keller
Neue Wege 6 / 2011

  1. Brigit Keller, Sie haben in Ihrer beruflichen Arbeit viel reden müssen: Referieren, diskutieren, moderieren – Sie waren und sind eine Frau des Wortes. In der Lyrik begegnen wir einer ganz anderen Wortschöpferin, knapp und leise. Welchen Stellenwert hat Lyrik in Ihrem Schaffen, in Ihrem Leben?
In meiner Arbeit als Studienleiterin habe ich oft mit Gedichten gearbeitet. Über Jahre organisierte ich Kurse über Lyrikerinnen wie Rose Ausländer, Hilde Domin, Nelly Sachs, Sara Kirsch, Erika Burkart und viele andere. In diesen Kursen liess sich viel vermitteln über die betreffenden Autorinnen, über Zeiterfahrungen wie auch überhaupt darüber, was Sprache ist, was sie vermag. Zudem war das gemeinsame Interpretieren in Frauengruppen eine Möglichkeit, das eigene Leben besser verstehen zu lernen. 
„Mein Leben muss doch eine Sprache haben, sonst ist es ja nichts“ – dieser Satz von Bettina von Arnim begleitet mich seit vielen Jahren. Ich habe ihn ernst genommen für die thematische Arbeit wie für die persönlichen Ausdrucksversuche. Allerdings schrieb ich Gedichte lange ohne Publikationsabsicht, einfach für mich. Das  Germanistikstudium hatte ich zwar mit der geheimen Absicht begonnen,  Schriftstellerin zu werden. Doch dann war ich überwältigt von der Fülle des Geschriebenen, des grossartig Geschriebenen. Ich verlor den Mut, die  eigenen Versuche hoch zu achten. Doch da blieb eine Sehnsucht, mich auch persönlich zu zeigen und diese Sehnsucht ernst zu nehmen. Nach dem  50. Geburtstag wurde dieser Wunsch dringlich. In einem längeren Urlaub sichtete ich  Geschriebenes und schrieb Neues. Ich versuchte mich auch in Prosa, aber mir wurde klar, dass meine Form die kurze ist, die lyrische. Ich stellte die Gedichte zusammen und bekam im eFeF-Verlag die Möglichkeit, diese zu publizieren. Daraus wurde mein erster Lyrikband „Vogelflug im Augenwinkel“.
  1. Audre Lorde, die bedeutende afro-amerikanische Autorin und Kämpferin schrieb einen Essay „Dichten ist kein Luxus“. Dichten bezeichnet sie als Lebensnotwendigkeit besonders für Frauen. Teilen sie diese Meinung?
Audre Lorde ist für mich sehr wichtig; ihr Kampf gegen Rassismus, Heterosexismus und die Krankheit Krebs bewundere ich sehr. Bezüglich des Schreibens hat mich ihr Gedanke beeinflusst, wir sollten das Namenlose benennen, damit es denkbar werde. Auch lehrte sie mich, dass die Art wie wir unser Leben prüfend betrachten unmittelbar beeinflusst, „was wir erleben und welche Veränderungen wir durch unser Leben zu bewirken hoffen“. Sich dem Verschwiegenen zu nähern, dem gesellschaftlichen wie eigenen, sich selber auf die Schliche zu kommen, den Mut haben, auf die eigene Wahrnehmung zu vertrauen und sie zu formulieren, ist eine schwierige, aber auch befriedigende Arbeit. „Dichten ist kein Luxus“,  und dichten ist neben geschenkten Einfällen vor allem auch Arbeit. Das war mir als jüngere Frau weniger bewusst. Ich habe damals einfach unmittelbar meine Gefühle ausgedrückt. Jetzt ist das Suchen, Ringen mit Worten, die Auseinandersetzung mit der eigenen Wortlosigkeit zentral geworden. Wie fasse ich Erfahrungen in Worte, in welche Worte? Was ist der adäquate oder der unverbrauchte Ausdruck? Zu Hilfe kommt die Sprache selber:  ich lasse mich anregen von Worten, sinne ihnen nach, klopfe sie ab, entfalte sie, suche nach ihrem Sinn, ihrem  Rhythmus…  – das ist zugleich Arbeit, Lust und eine Lebenshaltung. Wenn ich mir Zeit nehme, an meinen Texten zu arbeiten, Worte zu überlegen, sie auf ihren Sinn wie Klang zu überprüfen, spüre ich, wie mich dies auch im Alltag bestimmt: ich höre aufmerksamer hin, lese die Zeitung genauer, versuche Dinge, die ich sehe, zu benennen. Entdecke dabei immer wieder viel Stummes, viel Verschwiegenes.
  1. Die Welt ist nicht so, wie wir sie haben wollen. Der neue Band Ihrer Gedichte trägt den Titel „Sehnarben“. Das tönt für mich nach Wachheit und Verletzung gleichzeitig. Sind Gedichte politisch?
Sicher in unterschiedlichem Masse. Es gibt Dichter, z.B. Widerstandskämpfer, die politische Fakten direkt benennen und so – in einem bestimmten Kontext – Wirkung haben. Andere sind es in einem indirekten Sinn. Gerade wenn ich das persönlich Erlebte möglichst präzis zu fassen versuche, sagt es vielleicht nicht nur etwas über mich aus und kann durch das Benennen eine Wirkung haben, wenn auch eine leise. Hilde Domin drückt dies wunderbar aus: „Dies ist unsere Freiheit / die richtigen Namen nennend / furchtlos / mit der kleinen Stimme/…/ das Verschlingende beim Namen nennen / mit nichts als unserm Atem“.
 Ich kann’s nicht so gut wie Hilde Domin, aber ich versuche es auch, und ich glaube an „die kleine Stimme“. In meinem Titelgedicht „Sehnarben“ versuche ich, die mir unheimliche Erfahrung zu benennen, was alles täglich an Nachrichten auf uns einstürmt. Wo geht das in mir hin, wo lagert es sich ab? Wie beeinflusst es mich im Persönlichsten, meiner Liebesfähigkeit oder –armut? Welche Narben bleiben zurück? Wie vermischen sich eigene Erfahrungen mit „fremden“? Wo ist eigentlich mein Leben, wer bin ich? Das tönt nach grossen Fragen, aber es sind tägliche Erfahrungen, mit denen ich oft nicht zu Rande komme; sie mit suchenden Worten und Bildern auszudrücken, ist mir wichtig.
Viele Gedichte im neuen Band hängen mit schwierigen Erfahrungen zusammen. Sie in Worte zu fassen versuchen, hat geholfen diese Situation zu überstehen. Die Gedichte  heben zudem etwas auf, wirken dem Vergessen entgegen, versuchen, ein Stück Leben zu bewahren, zu achten, um dann wieder frei zu werden, für das weiter leben und weiter schreiben.