31. Januar 2012

Sehnarben - Der neue Lyrikband von Brigit Keller

SEHNARBEN. Gedichte, eFeF-Verlag, Bern / Wettingen 2011  

Brigit Kellers Sprache entfaltet sich assoziativ, scheut keine Wiederholungen, ist auf packende Art insistierend. Als Erbin einer reichen Sprachtradition zitiert sie ganz bewusst ihr wichtige Autorinnen und sucht gleichzeitig nach einer eigenen Sprache.
Kleine Begebenheiten des Alltags, Beobachtungen lösen Impulse zum Schreiben aus ebenso wie gesellschaftliche Zustände oder die schwere Erkrankung eines nahestehenden Menschen.

157 Seiten, broschiert                                              Fr. 25.-
ISBN 978-3-905561-87-6

Flyer (pdf)

Lesungen aus Sehnarben

  • Mittwoch 7. November 2012, 17 Uhr, Lyrik im Kloster in St. Urban
    www.st-urban.ch
  • Samstag, 3. März 2012 Lyrikmatinee innerhalb von Höhenflug.
    Schreiben im Alpenraum
    , Literaturtage Zug.
    Lesung Brigit Keller um ca. 10.00 Uhr im Lade für Soziokultur Zug
    www.issv.ch
  • Samstag, 3. Dezember 2011 Lesung innerhalb des Bücherjahrs des ISSV im Hotel Continental-Park, Luzern
  • Freitag, 18. November 2011, LesBar. Neuerscheinungen 2011 von femscript.ch an der BuchBasel
  • Sonntag, 6. November 2011 Hauslesung bei Elisabeth Wunderli / Ciril Berther, Oetwil a.d.L.
  • Mittwoch, 18. Mai 2011 Buchvernissage des Gedichtbandes Sehnarben. Zentrum Karl der Grosse, Zürich. Lesung und Gespräch mit Brigit Keller, Doris Stump, Cornelia Jacomet, Madeleine Marti
    Flyer (pdf)

6. November 2011

Einführung von Elisabeth Wunderli zur Lesung vom 6.11.2011

Ich freue mich sehr, dass der heutige Abend möglich geworden ist und begrüsse alle herzlich, besonders Brigit Keller, die aus ihrem Lyrikband „Sehnarben“ lesen wird. 

Zuerst noch eine kleine Vorbemerkung zur Gestaltung der Lesung. Brigit wird in einem 1. Teil ca. 20‘ lesen. Dann gibt es eine Pause in der wir mit Brigit ins Gespräch kommen können, ihr Fragen stellen dürfen oder einfach die Möglichkeit haben aufs Gehörte zu reagieren.

Dann, bitte nicht erschrecken! In diesem Haushalt hat es vier Katzen und die Hündin Kali. Es ist also durchaus möglich, dass sich bei dieser Hauslesung tierische Immissionen einmischen.

Ich brauche Ihnen B.K. nicht speziell und lange vorzustellen. Alle kennen  sie als langjährige Studienleiterin für Frauenarbeit an der Paulus-Akademie Zürich. 

Brigit, du bist Germanistin und hast an der PAZ viele Lyrikseminare für Frauen veranstaltet, die mir in bester Erinnerung bleiben. Du hast uns Lyrikerinnen wie Hilde Domin, Erika Burkart, Nelly Sachs, Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann und viele andere nahe gebracht.  Mit Frauen zusammen hast du einen Weg gesucht,  herauszufinden was Sprache ist, was Worte vermögen. Der Sprache nachgehen, sie zu ergründen und durch sie das eigene Leben besser zu verstehen, das waren spannende Seminarmomente für uns Frauen.

„Mein Leben muss doch eine Sprache haben“. Dieser Satz von Bettina von Arnim begleitet dich seit vielen Jahren. Vielleicht ist er zu einer Art Lebensprogramm geworden. Geschrieben hast du früher schon lange, aber nicht primär an Veröffentlichung gedacht. Als junge Frau wolltest du einfach deine Gefühle ausdrücken. Später wurde dir das Suchen nach Worten, das Ringen um sie, die Auseinandersetzung auch mit der eigenen Wortlosigkeit wichtig. 

Nach deinem 50. Geburtstag hast du begonnen, deine Gedichte zu sichten und zu sortieren. Der Wunsch mit ihnen an die Öffentlichkeit zu treten wurde glücklicherweise immer drängender. Gott sei Dank, wir wären um vieles ärmer, wenn dein ganzes lyrisches Werk in der Schublade läge.

„Sehnarben“ ist nach „Vogelflug im Augenwinkel“ und „Wasserzeichen in meiner Haut“ als dritter Lyrikband im efef-Verlag in diesem Frühjahr (2011) erschienen.

Du hast die Gedichte in verschiedene Gruppen thematisch unterteilt. Nur schon die einzelnen Überschriften wie z.B. „Wortflügel nicht gekappt“, „Windblütig“ oder „Wintersaat“ lassen eine thematische Fülle erahnen. Dazu kommt eine Sammlung von Briefgedichten und ein Zyklus mit „Fragmenten“, der mir persönlich besonders ans Herz gewachsen ist. Darin beschäftigst du dich mit Figuren aus der Antike wie mit Hera von Samos oder der Nike von Samothrake und es kommt mir vor, als würden diese Frauengestalten zu neuem Leben erwachen. Du hast es verstanden, sie mit den schwierigen Zeitproblemen zusammenzubringen.

Brigit, wenn ich deine Gedichte lese, lasse ich mich im Tiefsten berühren von deiner Wortkraft aber auch deiner Imaginationsfähigkeit. Die Lektüre löst in mir Sehnsucht nach eigener Wort- und Sprachgestaltung aus. Für mich ist dein Wortreichtum vor allem auch eine dichterische Musikalität, die mich stark in Bann zieht. Ich kann da nicht anders, ich muss an Schubert’sche Kammermusik denken. Wenn ich ein Wort wie „Windblütig“ vor mir sehe (in das ich mich richtig verliebt habe) ist das für mich ein klangfarbiges Geschenk. Für dich mag es anders aussehen, vielleicht mag es ein errungenes Geschenk nach harter Arbeit sein.

Einmal mit der Lektüre angefangen, lässt sie so schnell nicht wieder los. Ich kann in deine Sprache eintauchen. Darin beschreibst du eigene Lebenserfahrungen, stellst Fragen, lässt dich vom Alltäglichen betreffen, das dauernd auf uns einstürmt. Und du suchst und suchst und ringst nach Wort und Ausdruck. Du sagst selber, dass viele deiner Gedichte mit schwierigen Lebenserfahrungen zusammenhängen. Das spüren deine Leserinnen, das macht die grosse Betroffenheit aus aber auch den Sog  nicht mehr davon loszukommen.

Bei der Lektüre der Gedichte bin ich auf ein ganz kurzes Gedicht gestossen, das mich sofort staunen liess, weil es so ganz anders, so ohne „Sehnarben“ ist. Eine mir unbekannte Seite deines Wesens, eine leichte, heiter humorvolle begegnet mir da. Da das Gedicht in der Lesung nicht vorkommt, werde ich es euch vorlesen:


Heute morgen
erwachten die Worte
gleichzeitig mit mir
Später hatte ich
ein Rendez-vous
mit einem Satz
Wenn das so weitergeht
steht abends ein Roman
vor der Tür

1. September 2011

Zur bedeutenden niederländischen Theologin Catharina J.M. Halkes (1920-2011)

Denken an Catharina Halkes stärkt und macht zugleich traurig: sie hat Bedeutendes für die Feministische Theologie geleistet, war mir Lehrerin und Freundin - , aber sie ist dieses Jahr gestorben. Im gleichen Jahr wie die Theologin Else Kähler, beide  waren Vor- und Mitdenkerinnen. Gott hat nicht nur starke Söhne, so hiess das erste feministisch-theologische Buch von Halkes. Heute muss ich fragen: wo sind die „starken Töchter“? Sind wir es? Bin ich eine von ihnen? Oder wo sind sie?

Es tut gut, die Bücher von Catharina Halkes wieder zu lesen. Immer noch sind sie aktuell, immer noch berühren sowohl ihre Patriarchats- und Kirchenkritik wie auch ihre Hoffnung auf Veränderbarkeit, die sie lang oder vielleicht nie aufgegeben hat. Zwar war sie in den letzten Jahren oft deprimiert über die Entwicklung der Theologie, über die Schwächung der Frauenbewegung, über fundamentalistische Entwicklungen, aber sie selber hat den Glauben an eine Erneuerbarkeit von verkrusteten Strukturen nie aufgegeben. Sie hat an die Geistkraft geglaubt. Das Symposion zu ihrem 90sten Geburtstag, das an der Universität Nijmegen am 4. September 2010 gefeiert wurde, wünschte sie sich unter dem Titel Das Leben feiern.  In ihrem nachherigen Brief an die „ausländischen Gäste“ schrieb sie an uns „liebe Schwestern, die Ihr mir herzlich verbunden seid in heiliger Geistkraft“ und beendete den Brief mit folgendem Satz: „Und möge unsere Mutter, die heilige Geistkraft, uns alle auch weiterhin inspirieren.“

Feminismus – einen Gegenkultur
Catharina Halkes war für die Entfaltung der feministischen Theologie in Europa eine wichtige Persönlichkeit. Gemeinsam mit Elisabeth Moltmann-Wendel hat sie die feministische Theologie eingeführt und verbreitet.  Das 1980 erschienene oben erwähnte Buch Gott hat nicht nur starke Söhne  hat vielen Frauen und Männern den Blick für diese kritische Befreiungstheologie geöffnet. Feminismus nennt Halkes in diesem wie in weiteren Büchern „eine Lebenshaltung“, „eine Gegenkultur“, „einen Prozess der Befreiung“. Ihre Theologie setzt bei den Leidenserfahrungen von Frauen an, nimmt diese ernst, wie verschiedenartig sie auch sein mögen. „Feministische Theologie“ – so lautet eine ihrer Umschreibungen im Buch Suchen, was verloren ging (erschienen 1985)  – ist „eine kritische Befreiungstheologie, die sich nicht auf die Besonderheit der Frauen als solche stützt, sondern auf ihre historische Erfahrung des Leidens, auf ihre psychische und sexuelle Unterdrückung, Infantilisierung und strukturelle Unsichtbarmachung infolge des Sexismus in den Kirchen und in der Gesellschaft.“

Die Kritik von Halkes war immer konkret. Sie hat nie generalisierend von der Frau oder den Frauen gesprochen; denn sie war sich der Unterschiedlichkeiten bewusst und hat immer wieder zu differenzierender Betrachtungsweise angeregt. Überhaupt hat sie sich gegen jede Verabsolutierung gewehrt, auch wenn sie von Frauenseite kam.

Ermutigende Toleranz
Auffallend bei Catharina Halkes – in Begegnungen, in ihren Büchern und Vorträgen – war ihre ermutigende Toleranz, auch den verschiedenen Richtungen innerhalb der feministischen Theologie gegenüber. Sie konnte sehr wohl verstehen, dass die einen Frauen Kirche und Christentum verlassen haben. Es war allerdings nicht ihr Weg. Aber sie konnte ihn akzeptieren. „Alles hängt von den Motiven einer jeden Persönlichkeit ab, die ich im vornhinein respektiere; aber ich bewahre mir auch meine Selbstachtung vor meiner eigenen Wahl und Position.“  Bei der ersten Begegnung mit Catharina in der Paulus-Akademie Zürich ist mir ihre optimistische Sensibilität aufgefallen. Sie war davon überzeugt, dass eine Befreiungsbewegung von Frauen zu einer prophetischen Bewegung auch in den Kirchen werden kann. Dies war im Jahr 1986. Sie rief die Anwesenden dazu auf, an einer gläubigen Gemeinschaft mitzuwirken, „die so kraftvoll und mitreissend wird (denn das Heilige färbt ab), dass wir die Machtstrukturen ganz einfach ‚fortschieben‘, beiseiteschieben“. Diese Hoffnung auf Veränderung, wenn ich an die damalige Stimmung denke, tut angesichts der heutigen Situation der Institution Kirche geradezu weh. Aber 1986 war diese  Hoffnung stark, und Halkes wollte sie auch später nicht aufgeben. Hinter die  tiefgreifenden Erfahrungen, die sie in Rom während des Zweiten Vatikanischen Konzils als grosse Weite und Herausforderung erlebt hatte, wollte sie nie mehr zurücktreten. Dies wurde auch für sie zunehmend schwieriger.

Schöpfungstheologie
1990 war Catharina Halkes erneut Gast in der Paulus-Akademie. Die damals 70jährige sprach über Das Antlitz der Erde erneuern. Gedanken zu einer neuen feministisch-ökologischen Schöpfungstheologie. Dies war auch die Thematik ihres in jenem Jahr erschienen Buches. Angeregt durch den Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung hat sie sich über Jahre mit Schöpfungstheologie befasst. Sie entfaltete in der Studie ihre konkrete Utopie von Gerechtigkeit und Frieden  und einem neuen Verhältnis zwischen Mensch und Schöpfung. Sie deckte  dabei die problematischen Fundamente der männlich dominierten westlichen Kultur auf und wies auf notwendige Veränderungen hin.  Ihre Untersuchung richtete sie ausdrücklich an Frauen und Männer, an alle, die sich für den konziliaren Prozess einsetzen. „Es (das Buch) will uns helfen, uns auf die tieferen Ursachen des Machtunterschiedes zwischen Frauen und Männern und die Kluft zwischen Natur und Kultur zu besinnen.“
Dazu entwarf sie die Grundzüge einer Schöpfungstheologie, in der die Vorstellung vom Menschen als „Herr über die Erde“ korrigiert wird durch die Verknüpfung mit der Vorstellung vom Menschen als „Bild Gottes“.  Frauen und Männer haben nicht nur beide durch ihre Körperlichkeit Anteil an der Natur, sondern sie haben auch beide als Ebenbilder Gottes den Auftrag, KulturträgerInnen zu sein. Als wichtiges Charakteristikum des Gottes der Schöpfung hob sie sein segnendes Handeln hervor, das – im Gegensatz zum erlösenden Handeln – oft zu sehr in den Hintergrund gerückt worden sei. Das segnende Handeln  bezieht sich nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf Felder und Tiere – auf die ganze Schöpfung. „Dieses Segnen umfasst Wachsen, Reifen und Abnehmen der Kräfte, Glück und Gelingen, Geburt und Tod…“. Als weiteren wichtigen Aspekt der Schöpfungstheologie betonte Halkes die Bedeutung des Sabbats. Zu lange haben sich die Menschen erlaubt, die Natur zu beherrschen und auszubeuten. Der Sabbat verweist auf eine andere Haltung. An ihm „gelangt die Schöpfung erst zur Vollendung“, durch ihn wird klar, dass die Natur nicht dem Menschen gehört, sondern dass er in ihr wohnen darf inmitten der übrigen Kreaturen. Das Sabbatgebot ist nicht nur für den Menschen da, sondern auch für das Land, auch für die Pflanzen und Tiere, für Himmel und Erde. Die „tödliche Asymmetrie zwischen Mensch und Natur“ wird im Sabbat überwunden; er betrifft die ganze mit Gott existierende Welt.

Professur  für feministische Theologie
Catharina Halkes war und ist, wie anfangs gesagt, für die Bewegung der feministischeTheologie in Europa von entscheidender Bedeutung. Dies durch ihre Persönlichkeit, ihre Bücher, durch ihre unermüdliche Vortragstätigkeit und nicht zuletzt durch die Ausstrahlung ihrer Arbeit an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Nijmegen. Seit 1970 war sie an dieser Universität Dozentin im Fachbereich Pastoraltheologie. Nachdem sie sich jahrzehntelang für die Thematik von Frauen und Kirche, auch für Frauenordination, engagiert hatte, sah sie  sich Anfang der siebziger Jahre mit grundlegenden  Fragen konfrontiert, die sich auf die Theologie selber bezogen. Entscheidend für die neue Sicht, die sie – nach ihren eigenen Worten – „blitzartig“ für den Feminismus geöffnet hatte, war die Lektüre des Buches Beyond God the Father  von Mary Daly, das 1973 erschienen war. Halkes arbeitete sich in das neue Denken ein, ein Denken, das ihr half, die eigenen Erfahrungen in einen Zusammenhang zu bringen und besser zu verstehen. Bald begann sie Vorträge zu halten über Feminismus und feministische Theologie. Doch das schien ihr nicht genug. Sie erkannte, dass die feministische Theologie an der Fakultät einen klar umschrieben Platz erhalten müsse und setzte sie sich für die Realisierung ein. Sie erreichte, dass vorerst ein auf vier Jahre befristetes Probeprojekt unter dem Titel Feminismus und Christentum begonnen wurde. Halkes wurde für dieses Projekt ernannt, gab ihre Festanstellung bei der Abteilung Pastoraltheologie auf und setzte sich vorbehaltlos für feministische  Theologie ein. Das Projekt hatte grosse Ausstrahlung und wurde nach der Versuchsphase als feste Planstelle an der dortigen Fakultät eingeführt. 1983 wurde Catharina Halkes zur ersten Professorin auf dem Lehrstuhl Feminismus und Christentum der Universität Nijmegen ernannt. Diese feste Einrichtung, die auch nach der Emeritierung von Halkes bis jetzt weiterbesteht, ist eine Errungenschaft, die ohne ihre Klugheit und ihren Mut kaum denkbar gewesen wäre. Von ihrer Arbeit als Dozentin und Professorin gingen wesentliche Impulse aus: Die Forschung vieler TheologInnen wurde durch Halkes angeregt; ihr Engagement hat ferner viele Frauen und Männer zum eigenen Suchen nach den ihnen gemässen Gottes- und Menschenbildern ermutigt.

Ein Abschied
Teilweise wurde es nach der Emeritierung still um Catharina Halkes. Zwar erschien 1995 die Festschrift Abschied vom Männergott  und im gleichen Jahr wurde anlässlich ihres 75.Geburtstages in der Akademie Kerk en Wereld, Driebergen, ein Internationales Symposion organisiert mit dem Titel: Miriam und Cyborg. Generationen in der feministischen Theologie. Catharina Halkes freute sich über dieses Echo, war aber zugleich über den Stand/die Wirkung der feministischen Theologie, die Entwicklung von Kirche und Gesellschaft beunruhigt. Das hat sie in zahlreichen Briefen ausgedrückt und doch ihre Utopie nicht aufgegeben. An der prophetischen Dimension des Magnifikats wie auch an der Hoffnung auf die heilige Geistin u.a. hielt sie mit zärtlicher Energie  fest. Sie war eine wunderbare Frau, eine inspirierende Lehrerin, wir verdanken ihr viel. „Zu Ihrem Gedächtnis“ werden wir im RomerHaus wichtige Themen von Catharina Halkes erinnern, sie feiern, Abschied nehmen

erschienen in Neue Wege 9/2011

18. Mai 2011

Buchvernisage

Brigit Keller
Doris Stump, Verlegerin und Cornellia Jacomet, Zentrum Karl der Grosse

Madeleine Marti, Moderatorin
Cornelia Jacomet, Brigit Keller, Madeleine Marti

 


Bilder Lukas Keller

1. November 2010

Flucht und Verwandlung Zur Dichterin Nelly Sachs


Nelly Sachs, der die Schwedische Akademie 1966 - zusammen mit Josef Agnon - den Nobelpreis zuerkannte, wurde am 10.Dezember 1891 in Berlin geboren; sie starb am 12.Mai 1970 in Stockholm. Schweden war ihr seit 1940 zum Zufluchtsland geworden.

Es sind also bereits 40 Jahre vergangen seit dem Tod dieser Dichterin und 70 Jahre seit ihrer Flucht nach Schweden. Zum ersten Mal wird ihr Werk mit einer  Wanderausstellung gewürdigt. Eröffnet wurde diese  im März dieses Jahres im Jüdischen Museum Berlin; weitere Ausstellungsorte sind Stockholm, Zürich, Frankfurt, Dortmund. Die Zürcher Ausstellung findet vom 15. Dezember 2010 bis zum 27. Februar 2011 im Museum Strauhof statt. Es ist wichtig, sich an diese Dichterin zu erinnern; denn sind die Gedichte und Spiele von Nelly Sachs noch bekannt bzw. werden sie gelesen? Sind uns ihre Totenklagen oder die ekstatischen Texte heute noch wichtig? Ertragen wir ihren Schmerz und die Radikalität ihrer Sehnsucht? Nelly Sachs hat den Frieden die „leiseste aller Geburten“ genannt und war zutiefst betroffen, dass nach 1945 das „Spiel“ zwischen „Jäger und Gejagt“, Flüchtlingen und Flucht“, „Opfer und Henker“ kein Ende gefunden, sondern neue Formen angenommen hat. „Sternverdunkelung“ ging und geht weiter. Der Rat von Nelly Sachs hat nichts an Aktualität verloren:
            „Nicht einschlafen lassen die Blitze der Trauer
            Das Feld des Vergessens.“
Erfreulicherweise ist bei Suhrkamp eine kommentierte Werkausgabe in 4 Bänden geplant und teilweise bereits erschienen. So sind vergriffene Werke wieder fassbar und werden durch bisher unveröffentlichte ergänzt. Die Ausstellung wie die neue Werkausgabe bieten Gelegenheit, dieser bedeutenden deutschen Dichterin wieder bzw. neu zu begegnen.

Nelly Sachs floh mit ihrer Mutter Margarete Sachs im Mai 1940 von Berlin nach Stockholm. Die Flucht gelang sozusagen in letzter Minute; denn im Mai 1940, mitten im Krieg, als Norwegen bereits von Nazitruppen besetzt war, traf gleichzeitig mit der Einreiseerlaubnis nach Schweden der Befehl der Gestapo ein, sich für den Abtransport ins Konzentrationslager zu melden. Über die Zeit von 1933 – 1940, eine Zeit der ständigen Entwürdigung, Angst, Verzweiflung, hat Nellly Sachs einen Prosatext geschrieben: „Leben unter Bedrohung“. Daraus einige Sätze:
  • „Zeit unter Diktat. Wer diktiert? Alle! Mit Ausnahme derer, die auf dem Rücken liegen wie der Käfer vor dem Tod.“
  • „Es kamen Schritte. Starke Schritte. Schritte in denen das Recht sich häuslich niedergelassen hatte. Schritte stiessen an die Tür. Sofort sagten sie, die Zeit gehört uns!“
  •  „Unter Bedrohung leben: im offnen Grab verwesen ohne Tod. Das Gehirn fasst nicht mehr.“

Geschrieben hat Nelly Sachs schon als junge Frau. Während aber die frühen Gedichte eher konventionell waren, brachten die Texte nach der Flucht nach Schweden wie „Blutstürze“ aus ihr heraus. Sie schrieb, um überleben, um atmen zu können. „Und so ist alles, was ich schreiben muss, wie Atmen. Ich müsste ersticken, täte ich es nicht.“ Sie hat den Ermordeten des Holocaust Stimme verliehen. „Meine Metaphern sind meine Wunden“, hat sie oft betont. Doch schon im Gedichtband „Sternverdunkelung“ und in einer immer eigeneren Sprache hat Nelly Sachs der erfahrenen Gewalt etwas anderes entgegengesetzt: die Verwandlung der Qual, den Versuch, den geschändeten Planeten Erde zu heilen. Dazu aber musste das Schwere, Versteinerte „durchschmerzt“ werden.
                        „An Stelle von Heimat
                        halte ich die Verwandlungen der Welt - “.

Nelly Sachs war Jüdin, wurde aber gänzlich undogmatisch erzogen. Wie vielen andern wurde ihr die jüdische Identität durch die Naziherrschaft aufgezwungen. Doch fand sie in der hebräischen Bibel und in der jüdischen Mystik, besonders im Chassidismus, Bestätigung und Kraftquelle für ihr eigenes Lebensgefühl. „Die gekrümmte Linie des Leidens / nachtastend die göttlich entzündete Geometrie / des Weltalls / immer auf der Leuchtspur zu dir...“ - so hat diese Dichterin und Mystikerin ihr Leben verstanden. Zu dieser Haltung und wie sie sich in ihrer Dichtung zeigt, die folgenden Gedanken.

Nelly Sachs betrachtete das furchtbar Erlebte nicht als sinnlos. Der Ordnung der Henker setzt sie ihre andere Deutung entgegen. Das Erlittene der Opfer kann  Zerstörungen heilen, Dunkelheiten erhellen. Es wirkt der „Sternverdunklung“ (so der Titel ihres zweiten Gedichtbandes von 1949) entgegen und schafft neue Sterne:
            „Wer weiss, wo die Sterne stehn
            in des Schöpfers Herrlichkeitsordnung
und wo der Friede beginnt
und ob in der Tragödie der Erde
die blutig gerissene Kieme des Fisches
bestimmt ist,
das Sterbild Marter
mit seinem Rubinrot zu ergänzen,
den ersten Buchstaben
der wortlosen Sprache zu schreiben - “
Diese „Sinngebung“ hat nie dazu geführt, die Verbrechen zu entschuldigen; das wäre ein grobes Missverständnis. Aber es gilt, den zugefügten Schmerz bewusst auf sich zu nehmen, verhärtete Situationen zu „durchschmerzen“. Durch-schmerzen ist ein wichtiges Verb von Nelly Sachs. Es bedeutet, sich durchs Dunkle hindurchzuleiden im Sinne eines aktiven Vorgangs, um das Dunkle zu verwandeln und ins Licht durchzustossen oder das Licht gleichsam zu gebären: „nur durchzuleiden die Sterne / die wollen ans Licht“. Durchschmerzen betrachtete N.Sachs als wichtige Aufgabe. Ein Beispiel aus dem Band „Flucht und Verwandlung“ (1959):
            „So muss ich denn aufstehen
und diesen Felsen durchschmerzen
bis ich Staubgeworfene
bräutlich Verschleierte
den Seeleneingang fand
wo das immer knospende Samenkorn
die erste Wunde
ins Geheimnis schlägt.“

In der Bildwelt von Nelly Sachs steht das Dunkle, Harte, Schwere für unerlöste Situationen, Licht Musik, Tanz verweisen auf einen andern Zustand, auf das Heile, das „unsichtbaren Universums“, das die Dichterin durch ihre Wortarbeit miterschafft. Dunkelheit und Nacht waren einst nichts Negatives. Sternverdunkelung aber ist  Nacht-machung, ist eine Verkehrung. Und Verkehrungen sind eine grundlegende Erfahrung der Schreckenszeit: Der Tod ist nicht mehr „Gast“, sondern „Wirt“; der Stern nicht mehr leuchtendes Gestirn, sondern „schwarzangebeizt“ und blind; Kindheit ist nicht mehr Beginn des Lebens, sondern Vorbereitung zum Sterben.
Nelly Sachs meint das elementar: Dunkelheit hat die Menschen befallen und das sieht sie in kosmischen Bildern. Durch den falschen Segen vom „Golem Tod“, dem Massentod,  wurde die einst glänzende und singende Erde zum „Schrei“, zur „Blinden“, wurde nachtschwarz „unter den Leuchtbildern des Himmels“. Erst durch die Leidensarbeit wird dieses „Gestirn der Qualen“ erlösungsreif werden, dann „o Blinde wirst du wieder sehn“.

Nelly Sachs setzt der Verkehrung Verwandlung entgegen. Schöpfung ist nichts Statisches, sie geht weiter. Durch den Tod haben alle – Henker wie Opfer – Teil daran. Sterben (und das unterscheidet sie vom Ermordetwerden, vom falschen Tod) bedeutet, aufgelöst zu werden in den Verwandlungsstoff, in die Elemente, die anders gemischt werden. Nach diesem „echten Tod“ sehnt sich Nelly Sachs: „und ich sehne mich weiss nach dir / Tod - sei mir kein Stiefvater mehr - “. Im echten Tod vollzieht sich die zentrale Verwandlung: Tod bedeutet vom Staubhaften zum Staublosen zu werden, vom Dunkeln ins Helle zu kommen, teilzuhaben am Geheimnis des „unsichtbaren Universums“.

Doch in der Zeit, die es zu leben gilt, haben die Menschen nach Nelly Sachs die Aufgabe an der Verwandlung und Heilung mitzuarbeiten. Der Weg „von Tod in Geburt“ geschieht  nicht automatisch. Liebe ist Gegenkraft zum Ermordet-werden, Liebe ist wie Tod eine „entgrenzende Kraft“. Auch wenn die Zeit geprägt ist vom schrecklich Erlebten und von neuen Untaten, viele Menschen wegschauen oder wie Nelly Sachs es ausdrückt „schlafen“, gibt es die Gegenkraft der Liebe:
„Immer noch Mitternacht auf diesem Stern
und die Heerscharen des Schlafes.
Nur einige von den grossen Verzweiflern
haben so geliebt,
dass der Nacht Granit aufsprang
vor ihres Blitzes weissschneidendem Geweih.“

Nelly Sachs war überzeugt, an der Erlösung mitwirken zu können. Für diese Hoffnung war das ihr durch Martin Buber vermittelte Gedankengut des Chassidismus grundlegend. Es geht in der chassidischen Mystik vor allem um die Heilung des Alltags-Augenblickes. Eine kosmische Dimension verbindet sich mit der konkreten Alltagspraxis. Alles sollte mit innerer Hingabe, mit Intensität, mit ekstatischer Begeisterung vollzogen werden und zwar dort, wo wir gerade jetzt sind. Einzig notwendig ist die Ausrichtung der Seele auf die Erlösung der Welt hin.  Dieses Gedankengut entsprach Nelly Sachs und gab ihr Trost, Ekstase war ihr im innersten Wesen vertraut und ist Grundzug ihrer Dichtung. Gefragt nach ihrem Dasein antwortete sie in einem Brief vom 30.12.57:
„Ich lebe, ich atme den Augenblick, so tief meine Kraft es zulässt. Ich glaube an die Durchschmerzung, an die Durchseelung des Staubes als an eine Tätigkeit, wozu wir angetreten. Ich glaube an ein unsichtbares Universum, darin wir unser dunkel Vollbrachtes einzeichnen. Ich spüre die Energie des Lichtes, die den Stein in Musik aufbrechen lässt, und ich leide an meinem Leibe, an der furchtbaren Pfeilspitze der Sehnsucht…“

Im eingangs zitiere Gedicht aus „Flucht und Verwandlung“ (1959) lässt sich die skizzierte  Vorstellungswelt von Nelly Sachs erleben. In der Not, „In der Flucht“, wird die Teilhabe am Prozess der Verwandlung erfahren  -  auch wenn es hart ist, nur „in der Winde Tuch“ gehüllt zu sein, die Entwicklungsschritte schmerzhaft sind, der Schmetterling krank ist – wächst gerade dann die Kraft zu, der verlorenen Heimat etwas Umfassendes entgegen zu setzen:
„An Stelle von Heimat / halte ich die Verwandlungen der Welt - “.

erschienen in Neue Wege 11/2010